Zur Startseite
Neuigkeiten
Die Gruppe
Musik und Sprache
Presse
Tontraeger
Klangbeispiele
Unser kleiner Laden
Kontaktformular
Termine
Downloads
Fotos
Suchen
Last update:
03.07.2017

 

Zur Aufwind Seite bei Facebook

 

 


Impressum
Datenschutz

1998-2017
AUFWIND
Andreas Rohde

 

 

 

 

Logo Valid HTML 4.01 Transitional

 

Aufwind

live

Zwanzig Jahre AUFWIND in ein paar Zeilen? Unmöglich. Zu viel verbindet mich mit der Band, zu viele gemeinsame Erlebnisse stehen im Weg, die auf der knapp bemessenen Seite dieses Booklets keinen Platz finden.

Claudia Koch, die Absolventin eines klassischen Musikgymnasiums, Hardy Reich, der sich die ersten Schritte auf der Gitarre bei der Armee beibrachte, Andreas Rohde, der aus der Ostberliner Folk- und Liedermacherszene zur Gruppe stieß und die Band bis heute organisatorisch betreut, und schließlich Jan Hermerschmidt, Musikhochschulabsolvent und gesuchter Klarinettist in verschiedensten musikalischen Genres, hatten sich seit 1984 gefunden und mit unglaublicher Energie Zugänge zur Kultur eines fast gänzlich der Vernichtung anheim gefallenen Volkes gesucht. Als jungen Menschen in der DDR war ihnen der Weg in den Westen versperrt, also suchten sie dort, wo diese Kultur und dieses Volk gelebt hatten: in Osteuropa. Kein leichter Weg für Deutsche, doch sie fanden dort Freunde, die sie bestärkten. Mit dem Fall der Mauer öffnete sich der größere Teil der Welt für sie, ihr erstes westliches Land war Israel, ein Festival in Safed, der heiligen Stadt. Danach die Welt: Europa, USA, Kanada, Argentinien, Chile, Türkei ... Und in regelmäßiger Folge immer wieder neue CD’s. In ebenso schöner Regelmäßigkeit stießen neue Bassisten zur Gruppe: fünf Jahre lang spielte ich selbst bei AUFWIND, Heiko Rötzscher brachte es auf sieben Jahre, mit Thomas Paffrath scheint die Stelle nunmehr endgültig besetzt zu sein. Die Band hat einen sehr individuellen Klang entwickelt, man erkennt AUFWIND nach zwei Takten – nur wenige Gruppen haben das erreicht.

Doch zwanzig Jahre AUFWIND sind mehr als der offizielle Teil. Er kann den Geschmack dieser zwei Jahrzehnte nicht wiedergeben: die Schlangen an der Telefonzelle am Helmholtzplatz, von der aus das Management betrieben wurde, der furchtbare schöne selbstgemachte Wein, die Wegbegleiter (Troyke, Pichowski, Berkovici, Rennert, Riemer, Feidman, Lässig ...), das Streiten, das Lernen, das Touren, "Morgen hau’n wir auf die Pauke", die Liebe, die Krisen, und wieder das Lernen und wieder das Streiten. Den Geschmack dieser Zeit fand ich auf dieser wunderbaren CD, deren Repertoire sich aus den gesamten zwanzig Jahren rekrutiert – neue Stücke und Titel, die vom Publikum bis heute gefordert werden.

Meinen Glückwunsch, AUFWIND, und meinen Respekt! Und irgendwann solltet ihr ein Buch schreiben.

Heiko Lehmann
(Text des CD-Covers, Berlin 2004)

Wo warst du, als ich noch jung war und es mir gut ging? Jetzt bist du da, wo ich alt und arm bin, das Leben ist mies. Ein Liebeslied!?

Diese Melodie war eines der ersten Instrumentalstücke in unserem Repertoire. Anfangs spielten wir die Liedversion zunächst mit Chajm Taubers (1901 - 1972) Text von Motl, der oprejter. Inzwischen kehrten wir zur Urfassung zurück, verbunden mit der instrumentalen Version. Eine frühe Aufnahme dieses Stückes gibt es vom berühmten Klarinettisten Naftule Brandwine (1884 - 1963) vom 17. Juli 1924.

Wu bisstu gewen, as gelt is gewen,
der nadn is gelegn ojfn tisch.
Hajnt bisstu do, as kejn gelt is nito,
doss lebn is geworn asoj miess.

Wu bisstu gewen, as jugnt is gewen,
doss leben is gewen zuker-siss.
Hajnt bisstu do, as di hor sajnen gro,
doss leben is geworn asoj miess.

Wu bisstu gewen, as jugnt is gewen,
doss harz hot mit libe gebrent.
Hajnt bisstu do, as majn kop is schojn gro,
Un ess zitern baj mir izt schojn di hent.

nadn - Mitgift; hajnt - heute; hor - Haar; gro - grau

2 Aj lajk schi
Text: Jacob Jacobs (1890 - 1977) · Musik: Alexander Olschanetski (1892 - 1946) · Arrangement: Koch

Ich bin so in sie verliebt, daß mein Herz kocht, mir schwindlig ist und Lunge und Leber in mir tanzen. Sie ist wie ein Vöglein und meine blühende Blume, ohne sie kann ich nicht leben. Einmal träumte ich so lebhaft von ihr, daß ich mich an sie kuschelte und sie küßte, doch ich erwachte neben meiner Katze. Ich liebe sie und das ist alles.

Aj lajk schi hörten wir auf einer Kassette des Sängers Aaron Lebedeff (1873-1960), erschienen im Jahr 1973 bei Greater Recording. Lebedeff war sowohl ein erfolgreicher Liederschreiber, als auch ein ausdrucksstarker Sänger.

Ich bin an opgekochter, doss se ich schojn akorscht,
baj mir in harzn sid ess wi a galizianer borscht.
Ess schwindlt in di ojgn, der kop wert asoj dil
un majn lung un leber tanzn a kadril.
Si is wi a fejgele woss flit,
si is doch majn blimele woss blit.

Oj, aj lajk schi, oj, aj lajk schi,
si `s majn glik, si `s majn schtrebn.
On ir ken ich gor nischt lebn,
in harzn burtschet alemol.
Ire fisslech, ire sokn - I tell you people it `s no use tokn,
aj lajk schi - un "detss oll!”

Lejg ich mich nor schlofn, cholem ich fun ir,
un mir dacht sich as si sizt schojn noent lebn mir.
Ich fang si on zu kuschn, ich ruf si liber schaz,
ich chap mich ojf derse ich as ich kusch di schwarze kaz.
Ssaj in cholem un ssaj ojf der wach,
wejsst ir libe frajnt nor ejn sach.

Ich sog ajch mentschn do benimess,
si is geschmak wi a mern zimess,
aj lajk schi - un "detss oll!"

aj lajk schi - ich liebe sie; opgekocht - abgebrüht; akorscht - erst einmal; sid - sieden; burtschet - knurren, brummen; tokn - reden, engl. von talk; cholem - träumen; noent lebn - nah bei mir; chap mich ojf - heranmachen; benimess - höfl ich, im Vertrauen; mern zimess - Möhreneintopf

3 Fejgele
Text: Naftali Hertz Kon (1910 - 1971) · Musik: Lejbu Levin (1914 - 1983) · Arrangement: Möricke, Koch

Vögelchen, fliege weit fort und finde meinen Liebsten. Sage ihm, ich sehne mich sehr nach ihm und er soll zurückkommen. Denn der Kirschbaum hat inzwischen dreimal geblüht. Ein Mädchen aber blüht nur einmal, dann ist alles vorbei.

Claudia lernte dieses Lied von der Gitarristin Alison Bert bei einem gemeinsamen Programm kennen. Eine Bearbeitung mit der Akkordeonistin Sanne Möricke für die Gruppe Sukke war eine weitere Zwischenstation, bis das Lied schließlich den Weg zu Aufwind fand.
Lejbu Levin schrieb zahlreiche Lieder, die weite Verbreitung fanden. Seine Tochter Ruth Levin lebt in Israel und tritt als Sängerin auf.

Fejgele, fejgele, flisst in der fremd,
doss harz baj mir tut asoj klemen,
ich hob sich noch hajnt nit farkemt, nit farkemt,
far wemen do sol ich sich kemen.

Fejgele, fejgele, flisst in der wajt,
such ojss majn gelibtn, gegartn,
un sog im as umkern sich is schojn zajt,
ich kon schojn asoj fil nit wartn.

Sog im, majn fejgele,
in di wajtsste erter, bin schtendik ich grejt zu im gejn,
oj sog majn gelibtn, oj sog majn baschertn,
as ich bli do alejn un ich wejn.

Er is awek iber berg, iber toln,
der karschnbojm hot schojn geblit amol draj,
a mejdele blit doch blojs ejn ejnzig mol,
dernoch is schojn alzding farbaj.

farkemt/kemen - kämmen, frisieren; erter - Orte; grejt - bereit; baschertn - Auserwählten, karschnbojm - Kirschbaum

4 A glesele maschke
Text und Musik: Michel Gordon (1823 - 1890)
· Arrangement: Koch, Reich

Der Heiratsvermittler ist einmal zu meinem Großvater gekommen um die Hochzeit meiner Eltern auszuhandeln. Man hat lange vergeblich gestritten bis sich ein Glas Schnaps eingemischt hat. Also hat man sich geeinigt und auf der Hochzeit spielten die Musiker affengeilen Klesmerkram. So kam es, daß wegen dem Schnaps meine Eltern zusammen, und ich auf die Welt gekommen bin.

Nur wenige Aufnahmen gelangten bis 1989 über den "Eisernen Vorhang" zu uns nach Ostberlin. Darunter auch eine Platte der New Yorker Band Kapelye aus dem Jahr 1984. Hier hörten wir das Lied erstmals und übernahmen Kapelyes Textfassung, die auf Erinnerungen von Sam Offen an das Jiddische Theater Wien aus den 1920er Jahren beruht. Von der Entstehung her das vermutlich älteste Stück der CD, erstmals publiziert im Jahr 1868.

B´schass der schadchen is amol gekumen zu majn sejdn
dem tatn mit der mamen a schidech redn -
oj, hot men geredt un geredt un geredt, nor umsisst,
bis doss glesele maschke hot sich arajngemischt ...

Zulib maschke hot der tate mit der mame chassene gehat,
men hot getrunkn di maschke a ganzischke nacht ...
Oj, di klesmer hobn geschpilt mit a ganz fajnem ton,
men hot genumen di kale inmitn der kon ...

Zulib maschke hot der tate di mame genumen,
zulib maschke bin ich ojf der welt gekumen, aj da daj ...

Ich gedenk noch, woss is gewen baj majn briss,
di maschke is nit gewen arop fun tisch.
Ale hobn sich gewuntschn a ganz fajnem, a gesuntn masl tow,
as ich sol ojsswakssn a grojsser row.

Zulib maschke hot der tate ...

b´schass - während, "zu der Zeit, als"; sejde - Großvater; schidech - Heiratspartie; maschke - Schnaps, Likör; chossn - Bräutigam; chassene - Hochzeit; klesmer - Musikanten; kale - Braut; kon - Reigen; briss - Beschneidungsfeier, vollzogen am achten Tag nach der Geburt des Knaben; Masl tow - Gutglück; row - Rabbiner

5 Jidl mitn fidl
Text: Itzik Manger (1901 - 1969) · Musik: Abraham Ellstein (1907 - 1963) · Arrangement: Koch

Zwei Musiker fahren im Heuwagen über Land. Sie begegnen einer Ziege, die traurig meckert. Du Närrin, was meckerst du, traurig zu sein ist pfui. Weg mit der Trauer und den Sorgen, wir lachen dem Wind ins Gesicht, denn das Leben ist ein Spaß.

Jidl mitn fidl ist das Titellied eines polnischen Filmes von Josef Green aus dem Jahr 1938. Molly Picon (1898- 1992) spielte darin eine junge Frau, die mit ihrem Vater (Arje mitn bass) als Straßenmusikanten durch das Land ziehen. Um sich Verehrer vom Leibe zu halten, trägt sie Männerkleidung und nennt sich "Jidl". Die turbulente Verwechslungskomödie endet mit Happy End in Amerika.

Iber felder, wegn, ojf a wogn hej,
mit sun un wint un regn, forn klesmer zwej.
A chidesch, oj a chidesch, sogt wer sajnen sej?

Jidl mitn fidl, Arje mitn bass,
doss lebn is a lidl, to woss-ssche sajn in kass?
Hej, jidl, fidl, schmidl, hej, doss lebn is a schpass!

A zig schtejt ojf der lonke un meket troj’rik: me!
Hej, du zig, du schojte, troj’rik sajn is fe!
Schoklt er doss berdl: take, take, fe!

A fojgl flit: gut-morgn, gut-morgn, a gut-jor!
Der trojer un di sorgn zu alde schwarze jor!
Dem wint a lach in ponim, un Jidl, Jidl, for!

chidesch - Überraschung, Wunder; woss-ssche sajn in kass - warum sich ärgern; lonke - Wiese; meket - meckern; schojte - Narr; berdl - Bärtchen; take - wirklich; ponim - Gesicht

6 A majssele
Text: Benjamin Jankew Bialostotski (1893 - 1962) · Musik: Michel Gelbart (1889 - 1962) · Arrangement: Koch, Reich

Am Himmel schwimmt eine Wolke, aber das ist nur eine kleine Geschichte, denn du bist ja meine Wolke. Vom Himmel fällt ein Regen und macht den Tag dunkel, aber wenn du da bist wird es wieder hell. Und es steht eine Mühle, deren Flügel drehen sich und machen sschu-sschu. Aber das was mich bewegt bist du. Denn du bist ja mein Mädchen / Junge.

Das Lied entnahmen wir "Lomir kinder singen", einem 1970 bei "Kinderbuch Publications" in New York erschienenen Liederbuch.

In himl schwimt a wolkndl,
a wolkndl on ru ...
Je wolkndl, nit wolkndl -
doss is doch blojs a majssele,
a zigele a wajssele ...
doss wolkndl bisstu.

Fun himl falt a regndl,
ess macht der tog sich zu ...
Je regndl, nit regndl -
doss is doch blojs a majssele,
a zigele a wajssele ...
doss regndl bisstu.

Ess schloft in feld a sangele,
a sangele lju-lju ...
Je sangele, nit sangele -
doss is doch blojs a majssele,
a zigele a wajssele ...
doss sangele bisstu.

A mil, a mil a milchele,
un fliglen fir sschu-sschu ...
Je milchele, nit milchele -
doss is doch blojs a majssele,
a zigele a wajssele ...
doss milchele bisstu.

A wolkndl, a regndl,
Oj mach di ojgn zu ...
nit wolkndl, nit regndl,
nit sangele, nit milchele.
Nit zigele nit wajssele -
majn mejdele/jingele bisstu.

majssele - Geschichte; a zigele a wajssele - eine weiße Ziege; sangele - Ähre; mil - Mühle; fliglen - Flügel

7 Schpil gitar
Text und Musik: Samuel Jakowlewitsch Pokrass (1894 - 1939)
· Arrangement: Reich

Spiel die Gitarre, bis die Saiten reißen und meine Sorgen aufhören, bis ich betrunken bin und alles vergesse. Wozu sich Sorgen machen über den morgigen Tag, füllt die Gläser, denn mit dem Wein vergeht der Schmerz.

Die - bislang - 3 Liedersammlungen "Mir trogn a gezang", "Pearls of Yiddish Song" und "Songs of Generations", herausgegeben von Joseph und Eleanor Chana Mlotek beinhalten bekannte, wie auch unbekanntere Lieder gleichermaßen. Schpil gitar aus letzterem Buch ist die Übersetzung des russischen Liedes tschto mnje gore von Samuel Jakowlewitsch Pokrass. Der Übersetzer ins Jiddische ist unbekannt.

Schpil gitar bis majn zar wert ojfhern,
soln plazn di sstruness on a zol.
´ch wil mit wajn un schampajn schiker wern,
un fargessn woss gewen is a mol.

Zu woss-ssche sorgn farn morgn,
fil dem becher on mit wajn,
hejb dem becher hecher, hecher,
in dem wajn fargejt der pajn.

Di zigajner sej ruen un schlofn,
un men hert schojn kejn lidl nischt mejn.
Nor kol-sman `ss is faran wajn a tropn,
is doss lebn un der tojt schojn alz ejnss.

Alt un schwach, on a dach, is farblibn
a zigajner, a held, ganz alejn.
Ferdlech ganwenen, mejdlech fil libn,
er flegt singen doss lid asoj schejn.

zar - Leid, Sorge; sstruness - Saiten; schiker - betrunken; kol-sman - solange; faran - vorhanden; ganwenen - stehlen

8 Papirossn
Text: Herman Jablokoff (1903 - 1981) · Musik: traditionell · Arrangement: Koch, Reich

In kalter, verregneter Nacht steht auf der Straße ein kleiner Junge und versucht den Vorrübergehenden seine Zigaretten und Zündhölzer zu verkaufen. Seine Eltern sind früh gestorben, eine harte Bank im Park ist sein Nachtlager, von dem ihn die Polizisten vertreiben. Kauft doch meine Waren, damit ich nicht sterben muß wie ein Hund.

In Papirossn verarbeitete der Sänger und Schauspieler Herman Jablokoff eigene Kindheitserlebnisse als Zigarettenverkäufer in Grodno während des 1. Weltkrieges. Das Lied wurde in den 1930er Jahren in den USA schnell sehr populär. Eines der ersten Lieder im Repertoire von Aufwind.

A kalte nacht, a nepldike, finsster umetum,
schtejt a jingele fartrojert un kukt sich arum.
Fun regn schizt im nor a want,
a koschikl halt er in hant
un sajne ojgn betn jedn schtum:
Ich hob schojn mer kejn kojech nischt, arajnzugejn in gass,
hungerik un opgerissn, fun dem regn nass,
ich schlep arum sich fun baginen,
kejner git nischt zu fardinen,
ale lachn, machen fun mir schpass.

Kupitje, kojft-ssche papirossn,
trukene, fun regn nischt fargossn.
Kojft-ssche bilik benemoness,
kojft un hot ojf mir rachmoness.
Ratewet fun hunger mich azind.
Kupitje, kojft-ssche schwebelech, antikn,
dermit wet ir a josseml derkwikn.
Umsisst majn schrajen un majn lojfn,
kejner wil baj mir nischt kojfn,
ojssgejn wel ich musn wi a hunt.

Majn tate in milchome hot farlojrn sajne hent,
majn mame hot di zoress mer ojsshaltn nischt gekent.
Jung in kejwer sej getribn,
bin ich ojf der welt geblibn
umgliklech un elnt wi a schtejn.
Breklech klojb ich ojf zu essn
in dem altn mark,
a harte bank is majn geleger in dem kaltn park.
Un zi derzi di poliziantn
schlogn mir mit schwerdn, kantn,
sej rirt nischt majn gebet un majn gewejn.

koschikl - kleiner Korb; papirossn - Zigaretten; benemoness - wirklich, wahrhaftig; rachmoness - Erbarmen;
schwebelech - Zündhölzer; antikn - Raritäten, Kostbarkeiten; josseml - kleines Waisenkind; milchome - Krieg;
zoress - Sorgen, Nöte; kejwer - Grab

9 Hora / Tanz Istanbul
Musik: traditionell
· Arrangement: Reich

Als Hora bezeichnet man einen rumänischen Tanz im 3/8-Takt mit rhythmischer Akzentuierung auf den ersten und dritten Schlag. Unsere Hora hörten wir auf einer Kassette des Klarinettisten Bernie Marinbach, die wir in Israel kauften

Tanz Istanbul stammt von einer Aufnahme des berühmten Klarinettisten Dave Tarras (1897-1989) mit Abe Ellstein´s Orchestra vom 19. Dezember 1940. Das Stück wurde auch unter dem Titel Shifra tanzt veröffentlicht.

 

10 Awek di junge jorn
Text und Musik: traditionell
· Arrangement: Koch

Über die Berge kommen Tauben gefl ogen und genauso schnell, wie sie hergefl ogen kommen, fliegen sie wieder davon. Genauso schnell sind auch meine jungen Jahre fortgefl ogen. Ich bitte meine Brüder, mir die Pferde vor den Karren zu spannen, damit ich meinen jungen Jahren nachreisen kann. Auf einer großen, breiten Brücke erreiche ich sie, und flehe sie an, wenigsten für einen Moment zu mir zurückzukehren. Doch die jungen Jahre erwidern: Nein, wir kehren nicht zurück. Du hättest uns in deiner Jugend nicht so vergeuden sollen.

Bei einer ukrainischen Frau in Odessa, wo wir im Sommer 1993 nächtigten, hörten wir dieses Lied. Die Frau sang es im Glauben, daß es ein bekanntes ukrainisches Lied sei. Plötzlich sang sie auch die jiddische Variante, die sie aus ihrer Kindheit kannte. Dies inspirierte uns, den Text anfangs in Jiddisch, und am Ende in Ukrainisch zu singen. Die ukrainische Version fanden wir bei der aus der Ukraine stammenden und seit 1932 in Kanada lebenden Sängerin Mariam Nirenberg. Eine sprachkundige Freundin half uns bei der Rekonstruktion des Textes.

Afn barg, ibern barg,
Flien tojbn, porn,
Ich hob noch gor kejn nachess nit gehat,
Awek majne junge jorn.

Schpant mir brider, di kare ferd,
Lomir lojfn, forn,
Efscher wel ich noch konen umkern
Majne junge jorn.

Ich hob bagegnt majne junge jorn
Afn brajtn brik.
Jorn, junge, kert sich um
Far ejn ojgnblik.

Nejn, nejn, nejn, mir weln nit gejen,
`ss is nito far wemen.
Hosstu gesolt jungerhejt
Asoj unds nit farschemen.

awek - vorbei, fort; nachess - Freude; kare ferd - schwarzes Pferd; lomir - laßt uns; efscher - vielleicht; brik - Brücke; jungerhejt - in der Jugend; farschemen - beschämen

11 Chussn kale masl tow
Text und Musik: traditionell
· Arrangement: Koch, Reich

Ein Glückwunsch dem Brautpaar, Musikanten, spielt einen Hochzeitstanz. Freut euch alle, meine Tochter ist nun verheiratet.

Chussn kale masl tow ist ein traditionelles Lied, dass auf keiner jüdischen Hochzeit fehlt. Unsere Fassung entstand an einem freien Nachmittag im Sommer des Jahres 1988 auf einer Thüringen- Konzerttour in einem kleinen Ort namens Finsterbergen.

Chussn kale masl tow, klesmorim schpilt a frejlechss ojss,
Chussn kale masl tow.

Frejt ajch chussn kale, frejt ajch mechutonim ale,
as majn tochter ojssgegebn, chussn kale masl tow.

chussn kale - Brautpaar; masl tow - Glückwunsch; frejlechss - Tanz; mechutonim - Schwiegereltern

12 Wilne
Text: L. A. Wolfson (1867 - 1946) · Musik: Alexander Olschanski (1892 - 1946) · Arrangement: Koch, Reich, Rohde

Wilna, Stadt des Geistes und der Reinheit. Geheimnissvoller Ort mit Klängen stiller Gebete in der Nacht. Oft denke ich an dich zurück, an deine Gassen und Flüsse, Berge, Täler und Wälder.

Wilna war vor dem 2. Weltkrieg Zentrum jüdischer Kultur in Osteuropa. Wegen seiner großen Bedeutung wurde es auch das Jerusalem Litauens genannt. Unsere Version des Liedes wurde im Wilnaer Ghetto gesungen und von Schmerke Kaczerginski 1947 publiziert. Dazu notierte er, daß Kulturprogramme im Ghetto stets mit diesem Lied eröffnet wurden.

Wilne, schtot fun gajsst un tmimess,
Wilne, jidischlech fartracht,
wu ess murmlen schtile tfiless,
schtile ssojdess fun der nacht.
Oftmol se ich dir in cholem,
hejssgelibte Wilne majn,
un doss alte Wilner geto
in a nepldikn schajn.

Wilne, Wilne, undser hejmschtot,
undser benkschaft un bager.
Ach, wi oft ess ruft dajn nomen
fun majn ojg arojss a trer.
Wilner gesslech, Wilner tajchn,
Wilner weldl, barg un tol,
epess najert, epess benkt sich
noch di zajtn fun amol.

´ch se dem weldele Sakreter
in sajn schotn ajngehilt,
wu gehejm ess hobn lerer
undser wissndorscht geschtilt.
Wilne hot dem erschtn fodem
fun der frajhajtsfon gewebt
un di libe kinder ire
mit a zartn gajsst balebt.

tmimess - Unschuld, Reinheit; tfiless - Gebete; ssojdess - Geheimnisse; cholem - Traum; benkschaft - Sehnsucht; tajchn - Flüsse

13 Mern zimess
Musik: traditionell
· Arrangement: Koch

Der jüdische Ethnologe Mojsche Beregowski (1892-1961) leitete in Kiew von 1928 bis nach dem 2. Weltkrieg verschiedene Forschungseinrichtungen zu jüdischer Musik und Literatur. Seine Sammlung "Jewreiskaja narodnaja instrumentalnaja musika" (erschienen 1987 in Moskau) beinhaltet zahlreiche Stücke, die Beregowski auf Forschungsreisen in der Ukraine selbst aufgezeichnet hat.

Mern zimess (Möhreneintopf) heißt das Stück, weil es aus verschiedensten Zutaten (Stücke dieser Sammlung) zusammengerührt ist.

 

14 Rabbejnu Tam
Text: Itzik Manger (1911 - 1969) · Musik: Herts Rubin (1911 - 1958) · Arrangement: Koch, Reich

Ein goldener Pfau kommt mit einem Liebesbrief im Schnabel übers Meer gefl ogen. Die Königin der Türkei schreibt an Rabbi Tam, daß sie ihn liebt und sich nach ihm verzehrt. Der Rabbi erhält den Brief, überlegt und spuckt dann dreimal aus. Im Stall meckert die Ziege und die Sache scheint vergessen. Der Brief gelangt jedoch in die Hände seiner Frau; die schnappt sich das Nudelholz und bringt sich deutlich in Erinnerung. Und wer hat dieses Lied gemacht? Es war ein kleiner Schneiderjunge, dessen spöttischer Geist diese Reime schmiedete.

Über Itzik Manger gibt es zahlreiche Aussagen: mal wird er "Prinz der jiddischen Ballade", zuweilen auch " jiddischer Villon" oder "Chagall der Worte" genannt. Als fahrender Sänger und trinkfreudiger "Troubadour", wie er sich nannte, war das jüdische Osteuropa seine Welt.
Die Geschichte vom Rabbi Tam eröffnete uns viele Gestaltungsmöglichkeiten. Diese loteten wir in mehrtägiger Arbeit am Küchentisch einer Berliner Hinterhofwohnung aus.

Lomir singen doss schejne lid,
hajdl, didl, dam -
wi di goldene pawe flit
ibern schwarzn jam.
Un trogt a libess-briwele,
a schejne libess-briwele,
far dem Rabbejnu Tam.

Wer hot geschribn doss briwele?
Hajdl, didl, daj -
geschribn hot doss briwele
di malke fun Terkaj.
Geschribn ess mit rojtn tint
un farchassmet ess geschwind
mit hejsse trern draj.

Woss schtejt geschribn in briwele?
Hajdl, didl, du -
"Rabbejnu Tam ich libe dich,
woss-ssche schwajgsstu, nu?
Ich esse nischt´, ich trinke nisch´,
ich wer zesezt fun benkenisch,
ich habe nischt kejn ru."

Woss-ssche tut Rabbejnu Tam?
Hajdl, didl, de -
Er glet di peje un di bord
un macht draj mol "fe ..."
Un doss zigele in schtal,
un doss wajsse zigele
helft im unter "me ..."

Nu, un si, di rebbezin?
Hajdl, didl, doj -
si klapt im mitn walgerholz
un sogt zu im asoj:
"Schikssess lign dir in sin,
nu un jach un jach wu bin,
dajn hejss-gelibte froj?"

Treft, wer ´ss hot doss lid gemacht?
Hajdl, didl, dam -
A schnajderjung hot ess gemacht
l´kowed dem Rabbejnu Tam.
Un schabess zwischn tog un nacht
hot a lez arajngelacht
akurat zum gram.

goldene pawe - goldener Pfau, Symbol der jüdischen Poesie; jam - Meer; Rabbejnu Tam - "der Vollkommene", geläufige Bezeichnung für Jakob ben Meir, etwa 1100-1171, einem der größten Gelehrten des französischen und deutschen Judentums seiner Zeit; malke - Königin; farchassmet - versiegelt; benkenisch - sehnsüchtiges Verzehren; peje - Schläfenlocke; bord - Bart; rebbezin - Frau des Rabbiners; schickssess - nichtjüdische, freche, leichtsinnige Mädchen; jach - ich; l´kowed - zu Ehren; lez - spöttischer Geist, Schalk, Gaukler; gram - Reim

15 Gassn singer
Text und Musik: Pejssachke Burstein (1896 - 1986)
· Arrangement: Koch, Reich

Ein Straßenmusikant versucht mit seinen Kunststücken etwas Geld von den Vorrübergehenden zu bekommen. Doch das Glück hat ihn verlassen, er wird verhöhnt und beklagt sein Schicksal.

Die Schauspielerfamilie Burstein wurde während der 1930er Jahre in New York zum Starensemble des jiddischen Volkstheaters. Weltweite Tourneen erhielten diesen Ruhm in den folgenden fünfzig Jahren.
Gassn singer hörten wir auf einer Kassette der Burstein Familie, die wir 1989 in Israel kauften.

Ich mach kunzn in der gass,
a jeder macht fojl sich schpass.
Wen di glider tuen wej -
ich tanz un lach un schraj.
Majn masl is mir schlecht,
ich wander teg un necht
ejnsam elnt wi a schtejn,
sog ich zu sich alejn:

A gassn singer bin ich,
a jeder ken mich gut,
on klejder, borwess on schich,
a jeder zapt majn blut.
Bradjaga schrajt men ojf mir -
doss harz tut wej,
di schand in jeder minut
ess wert farzapt mir majn blut
fun dem geschrej.

kunzn - Tricks, Kunststücke; masl - Glück; borwess - barfuß; schich - Schuhe; bradjaga - Clochard, Penner

16 Schtejt in feld
Text: Jizchok Lejb Perez (1852 - 1915) · Musik: traditionell · Arrangement: Koch

Auf dem Feld steht ein kleiner Baum mit grünen Zweigen. Auf den Zweigen sitzt ein kleiner Vogel und versucht zu schlafen. Also Wind, halt jetzt den Atem an, damit der Vogel und auch mein Kind schlafen können.

Dieses Lied fanden wir in "Antologia: jewreiskaja narodnaja pesnja", erschienen 1998 in St. Petersburg, welches Claudia von einer Studienreise aus Kiew / Ukraine mitbrachte. Die Melodie ähnelt dem Volkslied Lejg ich mir majn kepele.

Schtejt in feld a bejmele,
hot ess grine zwajgelech;
schtejt derojf a fejgele,
macht ess zu di ejgelech.

Ojf di grine zwajgelech,
waksst a goldn epele;
mach zu, majn kind, di ejgelech,
a broche ojf dajn kepele.

Ojf di grine zwajgelech,
schlofn solt ir fejgelech;
halt dem otem ajn du wint,
aj li lulu schlof majn kind.

broche - Segen; otem - Atem

17 Amol is gewen
Text und Musik: traditionell
· Arrangement: Reich

Es waren einmal schöne Kinderjahre. Wie ein Traum sind sie verflogen, aber im Herzen bleiben sie mir, bis zu meinem Ende. Die Räder drehen sich und die Jahre vergehen. Wozu sich Sorgen machen, laßt uns jetzt das Leben genießen.

Die genaue Herkunft dieses Liedes ist unklar, ein russischer Ursprung aber unüberhörbar sicher. Sein ursprünglicher Titel Dorogoj Dlinnuju bedeutet etwa Der weite Weg. Gewiß ist, daß die englische Version in den 1960er Jahren ein Welthit wurde. Wahrscheinlich gibt es neben der jiddischen Version, die wir in Argentinien hörten, auch Varianten in anderen Sprachen.

Ich gedenk di schejne kinderjorn,
wi a cholem sajnen sej awek,
un mit sej zusamen ich hob farlojrn,
jene schejne sumerdike teg.

Di rejder drejen sich, di jorn gejen sich,
far ale glajch ssaj orem un ssaj rajch.
Woss tojgt doss klern sorgn, woss brengen wet der morgn,
der hajnt is do to leb a chaje scho.

Kinderjorn sisse kinderjorn,
in majn harzn blajbt ir ejbik lang.
Ejbik blajbt ir wach in majn sikorn,
bis majn leztn tanz majn leztn gesang.

cholem - Traum; chaje - lebendig, freudig; sikorn - Gedächtnis; scho - Stunde

18 Der becher
Text und Musik: Mark Warschawski (1848 - 1946)
· Arrangement: Koch

Teure Königin, schenk mir Wein ein und laß uns anstoßen: auf die Freunde, die Feinde und auf jene, die für immer von uns gegangen sind.

Eine feste Größe unter unseren Zugaben und unser erstes A-Capella Stück überhaupt. Es entstand bei einem Chanson-Werkstattwochenende in Langeln unter dem Einfluß des Trios Wildemann. Zahlreiche Varianten dieses Liedes in Text, Melodie und Strophenanzahl sind erhalten.

Tajere malke, gesunt solsstu sajn,
fil mir on dem becher, dem becher mit wajn.

Tajere malke, gesunt solsstu sajn,
far wemen sol ich trinken dem dosikn wajn?

Lomir trinken far di ssonim, nor sog sej nit ojss,
se wi ess gissn trern sich fun becher arojss.

Lomir trinken un trinken on take on an ek,
Far di woss senen gegangen ojf ejbik awek.

malke - Königin; ssonim - Feinde; on an ek - ohne Ende

 

 

Inhaltsangaben, Transkription der Texte und Worterklärungen:

2004 Claudia Koch, Hardy Reich, Jürgen Rennert, Andreas Rohde.

Inhaltsangaben und Anmerkungen:

2004 Andreas Rohde

oben
Seitenanfang