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03.07.2017

 

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© 1998-2017
AUFWIND
Andreas Rohde

 

 

 

 

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Aufwind

LOMP NOCH NIT FARLOSCHN

Der Punkt auf dem "i" ihres Schriftzuges ist keine stilisierte Fahne oder Flamme, sondern ein Jud, der zehnte Konsonant des zweiundzwanzig Schriftzeichen, fünf Finalbuchstaben nicht mitgerechnet, umfassenden hebräischen Alphabets, in dem - von rechts nach links zu lesen - alles geschrieben steht, was sich auf dieser Platte an Text vernehmen läßt.

"Lomp noch nit farloschn" haben Claudia Koch, Hardy Reich, Andreas Rohde und Jan Hermerschmidt - kurz: die seit kürzerem musikantisch so überzeugend existierende Gruppe AUFWIND - ihre erste LP überschrieben.Die Titelzeile steht mit Vorbedacht in den hebräischen Lettern des Originaltextes von Sishe Weinper. Seine zum Liedtext verdichtete und von Mojsche Rauch vertonte Liebeserklärung an die jiddische Muttersprache, hat die samt und sonders nichtjüdischen Akteure dieser Gruppe bei der Fahne jiddischer Sprech- und Musizierweise gehalten. Einer Fahne, die - allgemeiner Geschichtsschreibung folgend - spätestens hinsank, als fünf Millionen mittel- und osteuropäischer Juden, deren Muttersprache Jiddisch war, unter überwiegender Mithilfe oder Duldung durch unsere unmittelbaren Vorfahren ermordet wurden. Mit den Hingemordeten verlor die Welt unwiederbringlich einen nicht unbedeutenden Teil ihres geistig-kulturellen Reservoirs. Sishe Weinpers Text, in Umschrift nachlesbar auf der Plattenschutzhülle, spiegelt etwas vom Glanz des verlorenen Reichtums. Er spricht in seiner nationalen Innigkeit wider alle nationale Borniertheit und Ausschließlichkeit.

Die "Aufwinds", nachgeborene Kinder dieser 1949 vehement und extrem konsequent gegen Auschwitz und allen Faschismus gegründeten anderen deutschen Republik, haben ihren Geschichtsunterricht nicht verschlafen. Im Gegenteil, sie haben sich auch durch seine Nebensätze, durch manche Unzulänglichkeit, geistige Verlegenheit und falsche Betonung aufrütteln und bewegen lassen, dort anzusetzen und nachzuforschen, wo noch jeder Schulunterricht endet: außerhalb des Lehrgebäudes und seiner festen Mauern.

Vagantenhaft ungeniert, haben sie sich auf Fahrten durch Polen und Rumänien bei Sterblichen und Sterbenden kundig gemacht. Israil Bercovici, ein im Januar 1988 verstorbener großer Dichter jiddischer Zunge, hat Claudia, Hardy und Andreas in Bukarest, wenige Monate vor seinem Tod, wie eigene Kinder aufgenommen. Sie haben ihm stundenlang vorgespielt, er hat sie stundenlang gewähren lassen. Unglücklich glücklich angesichts der Tatsache, daß seinem einst gänzlicher Vernichtung preisgegebenen jüdischen Volk aus dem Volk der ordentlichen Deutschen wohltuend unordentliche Kinder wie diese erwachsen würden: verständig genug und willens, das schwer Rettbare zu retten, das Unaufhaltsame wenigstens für sich und ihre Zeit aufzuhalten...

Im Februar 1989 schlug für Claudia, Hardy, Andreas, Jan und Heiko eine weitere Sternstunde: Giora Feidman, "The King Of Klesmer-Music", "The Singing Clarinet", der lebende Inbegriff eines jüdischen und vom Judentum beseelten Spielmanns, machte bei Jalda Rebling Station. Und Jalda hatte eingeladen, wen immer sie als Vermittler jiddischer Musikkultur hierzulande kannte. Ihre kluge Freundlichkeit ließ den Abend auch zu einem Abend der Gruppe AUFWIND werden: Giora Feidman extemporierte zwei Stunden lang hinreißend und hingerissen mit den fünf Klesmorim. Im Anschluß an eine gemeinsame musikalische Improvisation erwies er ihnen unverhohlen seine Reverenz. Nicht, weil sie überragend gut gewesen wären, sondern weil sie wirklich gut werden könnten...

Daß die Gruppe um Claudia und Hardy in sehr anspruchsvoller Bescheidenheit darum weiß, ermutigt mich, ihr Zukunft zu prophezeien. Die Zukunft, die sie hat, sucht sie mit Leidenschaft und Akribie in der überzeugenden Vergegenwärtigung des vermeintlich Vergangenen und Verklungenen. Auch so gewinnt Gegenwart Dauer. "Lomp noch nit farloschn..."

Jürgen Rennert
(Text des Plattencovers, Ost-Berlin 1989)

 

Oj, nem guter klesmer dajn fidl in hant
un spil mir doss lidl fun goldenem land.
Amol flegt majn mame mit harz un gefil
doss lidl mir singn. Oj, schpil ess mir, schpil!

Un her ich doss lidl, dan schwebt far mir bald
majn tajere mame, ir liblech geschtalt;
ir harziker schmejchl, ir zertlecher blik -
sej wekn mir ojf majn fargangenem glik.

Amol is gewen in a goldenem land
a kluger ben-jochid, a schejner briljant...
Si singt un ess tiktakt dem sejgerss umru
un ´ss wigele hojdet sich - aj-lju-lju-lju.

Un her ich doss lidl, doss sisse gesang,
dan wet ojfn harz asoj umetik bang -
un ´ss wilt sich, wi majn mame mit harz un gefil,
doss lidl mir singn - oj schpil ess mir, schpil!

(Klesmer: Musikant; schmejchl: Lächeln; ben-jochid: einziger Sohn; hojden: schaukeln; umetik: schwermütig, trauervoll)

2 A glesele maschke
Text und Musik: Michael Gordon (1823-1890) · Arrangement: Koch / Reich

B´schass der schadchen is amol gekumen zu majn sejdn
dem tatn mit der mamen a schidech redn -
oj, hot men geredt un geredt un geredt, nor umsisst,
bis doss glesele maschke hot sich arajngemischt..

Zulib maschke is geworn der schidech geschlossn,
der tate is geworn der mamess chossn, aj da daj...

Zulib maschke hot der tate mit der mame chassene gehat,
men hot getrunkn di maschke a ganzischke nacht...
Oj, di klesmer hobn geschpilt mit a ganz fajnem ton,
men hot genumen di kalle inmitn der kon...

Zulib maschke hot der tate di mame genumen,
zulib maschke bin ich ojf der welt gekumen, aj da daj...

Ich gedenk noch, woss is gewen baj majn briss,
di maschke is nit gewen arop dem tisch.
Ale hobn sich gewutschn a ganz fajnem, a schejnem, a gesuntn masltow,
as ich sol ojsswakssn a grojsser row.

Zulib maschke hot der tate...

(B´schass: während, "zu der Zeit, als"; sejde: Großvater; schidech: Heiratspartie; maschke: Schnaps, Likör;chossn: Bräutigam; chassene: Hochzeit; klesmer: Musikanten; kalle: Braut; kon: Reigen; briss: Beschneidungsfeierlichkeit, vollzogen am achten Tag nach der Geburt des Knaben; Masltow: Gutglück; row: Rabbiner)

3 Schlof, majn kind
Text: Scholem Alejchem (1859-1916) · Musik: Claudia Koch · Arrangement: Koch / Reich

Schlof, majn kind, majn trejsst, majn schejner,
schlof-she lju-lju-lju!
Schlof majn lebn, majn kaddisch ejner,
schlof-she sunenju.

Baj dajn wigl sitzt dajn mame,
singt a lid un wejnt,
wesst amol farschtejn misstome,
woss si hot gemejnt.

In Amerike is der tate
dajner, sunenju,
du bisst noch a kind lessate,
schlof-she, schlof, lju-lju!

In Amerika is far jedn,
sogt men, gor a glik,
un far jidn a gan-edn,
epess an antik.

Dortn esst men in der wochn
chale, sunenju,
jajchelech wel ich dir kochn,
schlof-she, schlof, lju-lju.

Er wet schikn zwanzig doler,
sajn portret derzu,
un wet nehmen, lebn sol er,
unds ahinzuzu.

Bis ess kumt doss gute kwitl,
schlof-she, sunenju,
schlofn is a tajer mitl,
schlof-she, schlof, lju-lju.

(Kaddisch: hier Synonym für Sohn, der -nach dem Tode eines Elternteiles- "Kaddisch" sagt, ein die Allmacht Gottes verherrlichendes Gebet; misstome: selbstverständlich, höchstwahrscheinlich; lessate: inzwischen, jetzt, vorläufig; gan-edn: "Garten Eden", Paradies; antik: Kostbarkeit, Rarität; chale: Weißbrot für den Sabbat; jajchelech: leckeres Süppchen; kwitl: Brief, Ersuchen, amtliche Bescheinigung)

4 Frajtik ojf der nacht
Text und Musik: Nochem Sternheim (1879-1942) · Arrangement: Koch / Rohde

Ich dermon sich in dem frajtik ojf der nacht,
oj, woss far aschiress.
Der tate mit di kinder salbe acht,
flegn singen smiress.
Flegt der tate sich aweksezn zubomken mit a lefele,
gebn mitn fingerl a knak,
flegt di bobe mitn gojderl schoklen mitn kepele,
oj-wej, wi geschmak, oj-wej, wi geschmak.

´ss is schabbes, hajnt in cheder gejt men nit,
oj, a fargenign,
der tate gejt fun dawnen trit baj trit
un murmlt schtil a nign.
Flegt der tate sich aweksezn farhern di gemore
un gebn mir a knipele in bak.
"Ess waksst a talmid-chochem", flegt er sogn, "kejn ajn-hore..."
Oj-wej, wi geschmak, oj-wej, wi geschmak.

´ss flegt kumen der schabbes ojf der nacht,
flegn mir sich in di winkelech farrukn,
di mame schtejt bajm fensterl fartracht
di bobe tut in ´´tzene-rene´ kukn.
Flegt di bobe unds derzejln a majsse fun draj pritzimlech,
woss blondshen in der finster mit a hak,
flegn kinderlech bagissn sich mit trerelech wi perelech -
oj-wej, wi geschmak, oj-wej, wi geschmak.

(Aschiress: Reichtum, Gut, Vermögen; smiress: Sabbatgesänge; zubomken: intonieren, musikalisch unterstreichen; gojderl: kleines Doppelkinn; geschmak: rührend, anheimelnd, passend; cheder: hier Schule, Grundschulunterricht; dawnen: beten, hier nach dem Gottesdienst; nign: Melodie; gemore: Gemara, übertragen für Talmud, im engeren Sinne die im Talmud enthaltenen Erläuterungen der mündlichen Überlieferung durch die Amoräer; talmid-chochem: Religionsgelehrter; kejn ajn-hore: "kein böser Blick soll ihn treffen"; ´tzene-rene´: sprachlich verschliffener Titel einer für jüdische Frauen veranstalteten, in jiddisch, ´weiberdeutsch´, erschienenen und durch zahlreiche legendäre Einschübe ´belebten´ Nacherzählung der Bibel, eigentlicher Titel = Tsenah-urenah - "Gehet hinaus und sehet euch an..."-; majsse: Geschichte, Märchen; pritzimlech: adlige Jüngelchen; blondschen: umherirren, ziellos wandern)

5 Odessa bulgarisch
Musik: traditionell / Abe Schwartz (1881-1963) · Arrangement: Koch / Reich

 

6 Indrojssn / di bekeraj
Text: anonym · Musik: traditionell/Claudia Koch · Arrangement: Koch / Reich

Indrojssn gejt a drobinker regn,
oj, di wolknss sej hobn sich farschprejt.
Sint ich hob nor di bekeraj derkent,
asoj hot sich mir der kop fardrejt.

A mil as si molt, molt si kessejder,
far ir opschtel is nito a minut.
Kukt nor on doss klejnsste bekerjingl,
zi farmogt er den a tropn blut?

Der beker mit der bekern sej kumen in di bekeraj,
lojt sejer rajchtum un lojt sejer schtejger:
Si gejt ongeton mit a por briljantn-ojringen
un er mit a goldenem sejger.

(Kessejder: immerfort, fortwährend; schtejger: Gewohnheit, Art, Usus, Brauch; sejger: Uhr)

7 Motl der oprejter
Text: Chajm Tauber (1901-1972) · Musik: traditionell/Naftule Brandwine (1889-1963) · Arrangement: Koch / Reich

Motl, der oprejter,
in shop dort schtendik nejt er,
ale jorn drejt er dort in shop.
Er schpilt di katarinke
un schwizt baj der maschinke.
Motl is a wojler jungerman.
Motl hot a wajb un kinder zwej,
schwer un biter arbet er far sej.
Un wajl Motl arbet schwer,
fardint der boss alz mer,
un Motl blajbt derselber oreman.

Woss-she wil der Motl,
der oprejter Motl?
Er wil nit kejn rajchkejt oder gelt,
er wil far wajb un kinder brojt
un amol a schuch, a klejd.
Motl wil kejn ssach nit fun der welt.

A schtrajk hot ojssgebrochn,
schojn ganze zwelef wochn,
un Motl is a guter junjen-man.
Motl der oprejter
as men schikt im, gejt er,
un mit ale in der piket-lajn.

In schtub sajn wajb un kinder zwej,
un nischto kejn schtikl brojt far sej.
Tut Motl wej doss harz,
alz kukt arojss zu im schwarz.
Er drejt lebn schop mit a ssajn.

In piket-lajn schtejt Motl,
un a gengsster mit a bottl
´barfalln hot im dort inmitn gass,
mitn flasch, woss er´t gehaltn,
hot er Motlss kop zeschpaltn...
In sajn ejgn blut wet Motl nass.

Geworn is a tuml, a geschrej,
gebracht im zu sajn wajb un kinder zwej,
Sej wejnen, gissn trern,
nor Motl ken nischt hern:
Motl hot geendikt schojn sajn dshob.

Woss-she wilt der Motl,
der oprejter Motl?
Er hot nischtgewolt kejn aschiress un kejn gelt,
er´t gewolt far wajb un kinder brojt,
izt ligt schojn Motl tojt.
Motl hot geendikt schojn sajn dshob.

(Oprejter: "operator", engagierter Arbeiter; Katarinke: polnisch "Drehorgel", hier bitter-ironisch für die Nähmaschine; ssach: viel, eine Menge; junjen-men: "Union-Man", Gewerkschafter; ssajn: Schild, Plakat, von "sign";piket-lajn: Streikfront; aschiress: Reichtum)

8 Wu bisstu gewen far prohibischn
Musik: traditionell / Naftule Brandwine (1889-1963) · Arrangement: Koch / Reich

 

9 Milchome
Text: Abraham Reisen (1875-1953) · Musik: Michael Gordon (1823-1890) · Arrangement: Koch / Reich

"Oj, mame, ch´wil abissl milch,
´ss is trukn mir majn gumen."
"Majn kind, a bejser passtech hot
di ale ki farnumen."

"To gib mir, mame, brojt a biss,
dem hunger mir zu schtiln."
"Nito, majn kind, a wasser hot
fartrunken als miln.

A wasser wild, a wasser rojt
hot sej aropgetrogn,
un ale milner sejnen izt
awek in feld sich schlogn."

"To wu-she is der tate izt,
er sol unds essn krign?"
" Der tate is awek mit sej
a ssojne zu basign.

Der tate is ojch izt in feld.
Du hersst majn kind a brumen?
Er is awek, er is nito,
wer wejss zi wet er kumen..."

(Milchome: Krieg; passtech: Hirte; milner: Müller; ssojne: Feind)

10 Ich wejss nit
Text: Abraham Reisen (1875-1953) · Musik: traditionell · Arrangement: Koch

Ich wejss nit, woss hob ich, ich wejss nit woss felt mir,
Ich wejss nor, di lichtike sun is farschtelt mir.

Ich wejss nit, woss sing ich, zi libe zi zorn,
Ich wejss nor, majn harz is farssarftet geworn.

Ich wejss nit, zi leb ich zi bin ich geschtorbn,
Ich wejss nor farschimlt is alz un fardorbn.

(Zi...zi...: entweder...oder; farssarft: versengt, verbrannt)

11 Papirossn
Text: Hermann Jablokoff (1903-1981) · Musik: traditionell · Arrangement: Koch / Reich

A kalte nacht, a nepldike, finsster umetum,
schtejt a jingele fartrojert un kukt sich arum.
Fun regn schizt im nor a want,
a koschikl holt er in hant
un sajne ojgn betn jedn schtum:
Ich hob schojn mer kejn kojech nischt, arajnzugejn in gass,
hungerik un opgerissn, fun dem regn nass,
ich schlep arum sich fun baginen,
kejner git nischt zu fardinen,
ale lachn, machen fun mir schpass.
Kupitje, kojft-sshe papirossn,
trukene, fun regn nischt fargossn.
Kojft-sshe bilik benemoness,
kojft un hot ojf mir rachmoness.
Ratewet fun hunger mich azind.
Kupitje, kojft-sshe schwebelech, antikn,
dermit wet ir a josseml derkwikn.
Umsisst majn schrajen un majn lojfn,
kejner wil baj mir nischt kojfn,
ojssgejn wel ich musn wi a hunt.

Majn tate in milchome hot farlojrn sajne hent,
majn mame hot di zoress mer ojsshaltn nischt gekent.
Jung in kejwer sej getribn,
bin ich ojf der welt geblibn
umgliklech un elnt wi a schtejn.
Breklech klojb ich ojf zu essn
in dem altn mark,
a harte bank is majn geleger in dem kaltn park.
Un zi derzi di poliziantn
schlogn mir mit schwerdn kantn,
sej rirt nischt majn gebet un majn gewejn.

(Koschikl: kleiner Korb; papirossn: Zigaretten; benemoness: wirklich, wahrhaftig; rachmoness: Erbarmen;schwebelech: Zündhölzer; antikn: Raritäten, Kostbarkeiten; josseml: kleines Waisenkind; milchome: Krieg; zoress: Sorgen, Nöte; kejwer: Grab)

12 Wot ken ju mach? Ess is Amerike!
Text: Aaron Lebedeff (1873-1960) · Musik: Scholem Secunda (1894-1974) · Arrangement: Koch / Reich / Rohde

Kejn Amerike zu kumen, hob ich kejn mi geschport,
ch´hob gedenkt a row zu wern un farlosn sich a bord,
ch´hob gehat zwej schejne pejess, wi jeder frumer jid -
zum ssof onschtot di bord hob ich di pejess ojchet nit.
Wet ir mir fregn: S´tajtsch? Wi ken doss sajn?
Der terez derfun is, libe frajnt, derbaj:

Wot ken ju mach? Ess is Amerike!
Do in land do putzt men sich asoj.
Wot ken ju mach? Ess is Amerike!
Afile der jid hot dem ponim mitn goj.

As fun pejess do set men baj kejnem nit kejn schpor,
do trogn sich di pejelech ale mejdlech gor,
wot ken ju mach? Ess is Amerike,
ss´is Amerike, un wot ken ju mach?
As do in Amerike is alzding farkert,
di mener - sej schejwn sich, un baj di wajber schprotzn berd,
wot ken ju mach? Ess is Amerike, un "bolsche nitschewo"!

In Jurop hobn chassene junge mejdlech gor,
un nacher hobn sej kinder, wi ess firt sich, punkt zum jor,
in Amerike is gor andersch, me nemt sich zajt on schir -
m´hot chassene do schpeter, nor di kinder hot men fri´er.
Wet ir mir fregn: S´tajtsch? Wi ken doss sajn?
Der terez derfun is, libe frajnt, derbaj:

Wot ken ju mach? Ess is Amerike,
do ken passirn alz, sog ich ajch,
wot ken ju mach? Ess is Amerike,
as do ajlt men sich doch mit a jeder sach.

Do sucht men zu ssejwn expenssess af gewiss,
derfar macht men di chassene zusamn mitn briss!
Wot ken ju mach? Ess is Amerike, ess is Amerike, un wot ken ju mach.
As chossn-kalle fun der chupe ahejm nor me gejt,
is schojn dortn a wigele mit a kind ojch ongegrejt!
Wot ken ju mach? Ess is Amerike, ss´is Amerike alejn un "detss oll"!

(Row: Rabbiner; farlosn: wachsenlassen; pejess: Schläfenlocken; ssof: Ende; s´tajtsch: zu deutsch, "das bedeutet"; terez: Einwand, Ausrede; afile: sogar, selbst; ponim: Gesicht, Antlitz; goj: Ungläubiger, Nichtjude; schpor: Ansatz; schejwn: rasieren, von to shave; on schir: unendlich; "zu ssejwn expenssess": Kosten ensparen, von to save und expenses; chassene: Hochzeit; briss: Beschneidungsfeierlichkeit; chossn-kalle: Brautpaar; chupe: Traubaldachin; ongegrejt: vorbereitet, bereit)

13 Rabbejnu Tam
Text: Itzik Manger (1911-1969) · Musik: Herts Rubin (1911-1958) · Arrangement: Koch / Reich

Lomir singen doss schejne lid,
hajdl, didl, dam,
wi di goldene pawe flit
ibern schwarz jam.
Un trogt a libess-briwele,
a schejness libess-briwele,
far dem Rabbejnu Tam.

Wer hot geschribn doss briwele?
Hajdl, didl, daj -
geschribn hot doss briwele
di malke fun terkaj.
Geschribn ess mit rojtn tint
un farchassmet ess geschwind
mit hejsse trern draj.

Woss schtejt geschribn in briwele?
Hajdl, didl, du -
"Rabbejnu Tam ich libe dich,
woss-sshe schwajgsstu, nu?
Ich esse nischt´, ich trinke nisch´,
ich wer zesezt fun benkenisch,
ich habe nischt kejn ru."

Woss-sshe tut Rabbejnu Tam?
Hajdl, didl, de-
Er glet di peje un di bord
un macht draj mol "fe..."
Un doss zigele in schtal,
un doss wajsse zigele
helft im unter "me..."

Nu, un si, di rebbezin?
Hajdl, didl, doj -
si klapt im mitn walgerholz
un sogt zu im asoj:
"Schikssess lign dir in sin,
nu un jach un jach wu bin,
dajn hejss-gelibte froj?

Treft, wer ´ss hot doss lid gemacht?
Hajdl, didl, dam -
A schnajderjung hot ess gemacht
l´kowed dem Rabbejnu Tam.
Un schabbess zwischn tog un nacht
hot a letz arajngelacht
akurat zum gram.

(Goldene pawe: goldener Pfau, Symbol der jüdischen Poesie; jam: Meer; Rabbejnu Tam: "der Vollkommene", geläufige Bezeichnung für Jakob ben Meir, etwa 1100-1171, einem der größten Gelehrten des französischen und deutschen Judentums seiner zeit; malke: Königin; farchassmet: versiegelt; benkenisch: sehnsüchtiges Verzehren; peje: Schläfenlocke; bord: Bart; rebbezin: Frau des Rabbiners; schickssess: nichtjüdische, freche, leichtsinnige Mädchen; jach: ich; l´kowed: zu Ehren; letz: spöttischer Geist, Schalk, Kobold; gram: Reim)

14 Wilne
Text: L. A. Wolfson (1867-1946) · Musik: Alexander Olschansky (1892-1946) · Arrangement: Koch / Reich / Rohde

Wilne, schtot fun gajsst un tmimess,
Wilne, jiddischlech fartracht,
wu ess murmlen schtile tfiless,
schtile ssojdess fun der nacht.
Oftmol se ich dir in cholem,
hejssgelibte Wilne majn,
un di alte Wilner geto
in a nepldikn schajn.
Wilne, Wilne, undser hejmschtot,
undser benkschaft un bager.
Ach, wi oft ess ruft dajn nomen
fun majn ojg arojss a trer.
Wilner gesslech, Wilner tajchn,
Wilner weldl, barg un tol,
epess najert, epess benkt sich
noch di zajtn fun amol.

´ch se dem weldele Sakreter
in sajn schotn ajngehilt,
wu gehejm ess hobn lerer
undser wissndorscht geschtilt.
Wilne hot dem erschtn fodem
fun der frajhejtsfon gewebt
un di libe kinder ire
mit a zartn gajsst balebt.

(Tmimess: Unschuld, Reinheit; tfiless: Gebete; ssojdess: Geheimnisse; cholem: Traum; benkschaft: Sehnsucht; tajchn: Flüsse)

15 Jiddisch is majn loschn
Text: Sishe Weinper (1892-1957) · Musik: Mojsche Rauch (1910) · Arrangement: Koch / Reich

Loschn majnss is jiddisch
ful mit paschtess, un
rachwessdik, negidisch,
warem wi di sun.

Hemschech is majn s´chije,
kijem is majn lid,
majn gesang: alije
zu dem mentsch un jid.

Mentschn un leschojness,
loschn is der mentsch -
mentschelechkejt di krojn is,
sing zu ir un bentsch.

Felker in harmonje,
libschaft zwischn sich -
schtralndike ssimfonje,
un in ir ojch ich.

Lomp noch nit farloschn,
se, er glit noch, glit,
jiddisch is majn loschn,
jiddisch is majn lid.

(Loschn: Sprache; paschtess: Einfachheit; rachwessdik: großzügig, weitflächig; negidisch: vornehm, fürstlich; hemschech: Fortsetzung; s´chije: Würde, Gewinn, Begnadigung; kijem: Bestand, Existenz, Erfüllung; alije: Aufstieg; leschojness: Sprachen; bentsch: segne!, preise!)

Jiddisch meine Sprache,
einfach, die nicht lärmt,
reich ist, voller Weite,
wie die Sonne wärmt...

Dauern - meine Würde.
Bleiben - mein Gedicht.
Mein Gesang steigt auf
zu aller Menschen Licht.

Menschen, Zungen, Sprachen.
Mensch ist Sprache, wie
Menschlichkeit die Krone.
Segne, preise sie!

Völker ohne Zwietracht,
liebevoll geeint,
strahlend symphonierend -
und ich mitgemeint.

Unverloschne Lampe,
die noch glüht und glüht...
Jiddisch - meine Sprache,
Jiddisch ist mein Lied.

Deutsche Nachdichtung:
© 1989 Jürgen Rennert


Transkription der Liedtexte und Erläuterungen der Begriffe:
© 1989 Jürgen Rennert

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